schreiben: „die äpfel“ teil 1

heute gibt es mal wieder was kreatives mit worten, nämlich den ersten teil meiner kurzgeschichte „die äpfel“. ich wünsche euch viel spaß beim lesen 🙂

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Die Äpfel

Wo bleibt nur Felix? Opa Karl blickt auf seine Uhr und dann zum Hoftor. Er sitzt auf einer alten Holzbank unter einem Baum, der früher ein Kastanienbaum war und heute nur noch grüne Blätter trägt. Vor ihm auf dem Tisch steht ein mit rotbackigen Äpfeln gefüllter Korb, neben ihm auf der Bank liegt sein Familienfotoalbum, dessen Aufdruck ausgeblichen und Ränder ausgefranst sind. Apfelduft umschmeichelt seine Nase. Er schiebt den Korb von sich weg und streicht mit der Hand über das Album.
Die Strahlen der Abendsonne ergießen sich über den Bauernhof, ziehen bis zum Kastanienbaum und lassen die Äpfel im Korb wie Heilige erstrahlen. Das mag Opa Karl nicht sehen, er steht auf und schlurft zum Hoftor. Während er auf seinen Enkel wartet, streift sein Blick über das Gehöft.
Wie sehr sich alles verändert hat. Es gibt keine Rosen, keine Dahlien, keine Astern, keine Gurken, keine Tomaten, keine Birnen mehr. Überall nur grün: hellgrün, dunkelgrün, flaschengrün, apfelgrün, manchmal mit zarten, manchmal mit dicken braunen Strichen durchzogen. Die Felder, auf denen einst Pflaumenbäume, Kirschbäume, Apfelbäume, Johannisbeersträucher, Himbeersträucher standen, sind Wiesen geworden. Eine Träne schleicht sich in sein Auge, mit dem Ärmel wischt er sie weg.
„Hallo Opa“, ruft ihm Felix zu und stoppt sein Fahrrad vor dem Hoftor, so dass ein paar Kieselsteinchen aufspringen. „Haste dich schon gegruselt so ganz allein? Ich musste leider länger arbeiten.“
„Mach dich nur lustig über deinen alten Opa“, brummelt Opa Karl und schlurft zum Tisch zurück. Du weißt ja gar nicht, wie Recht du hast, denkt er. Schon seit Stunden sind sein Sohn und seine Schwiegertochter weg, um bei irgendwelchen wichtigen Leuten ihre Erfolge in der Apfelzucht anzupreisen. Und er ist hier allein mit den verführerisch duftenden, aber künstlichen Äpfeln, die ihm Angst machen, weil sie auf eine Art und Weise entstanden sind, die er nicht versteht und der er nicht vertraut.
„War doch nicht so gemeint, das weißt du doch.“ Felix geht zum Schuppen, stellt sein Rad ab und geht zu seinem Opa hinüber.
„Hast du schon gekostet?“, fragt Felix und zeigt auf den Korb.
Opa Karl sieht seinen Enkel und dann den Korb an. „Nein“, antwortet er.
„Und warum nicht?“ Felix wendet sich dem Korb zu und atmet tief ein. „Oh, wie die duften!“
„Ich weiß“, sagt Opa Karl. „Ich rieche sie schon die ganze Zeit.“
„Und das hältst du aus?“
„Ja.“ Opa Karls Augen werden feucht, er umklammert das Fotoalbum.
Felix sieht das und fragt: „Wollen wir uns die alten Bilder angucken?“ Er setzt sich neben seinen Opa, nimmt das Album und schlägt es auf.

© Kim Höpfner

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12 Gedanken zu „schreiben: „die äpfel“ teil 1

  1. kinder unlimited

    Teil 2..jetzt bin ich sooooo gespannt 😉 opa Karl…..was der wohl zu erzaehlen hat…

    Antwort
  2. Marion

    Ich bin auch gespannt, liebe Kimi, wie die Geschichte weiter geht. Schon jetzt ist sie so ansprechend und so wichtig. (Mein Opa heißt übrigens auch Karl)
    Danke dir!
    Bis bald. Liebe Grüße
    Marion

    Antwort
    1. kimi Autor

      ich freu mich, dass dir das aufgefallen ist 🙂
      was für ein schöner zufall mit dem namen.
      liebe grüße, kimi

      Antwort
  3. Flowermaid

    … wir haben hier im Norden das „Alteland“ eine Apfeltraumgegend, es gibt dort viele Opa Karl`s, die sich nicht ausschliesslich vom Duft eines Apfels verführen lassen… Fortsetzung folgt hoffentlich bald… ;-D

    Antwort
    1. kimi Autor

      das „alteland“ werde ich morgen googeln. was du schreibst, klingt vielversprechend 🙂
      liebe grüße, kimi

      Antwort
  4. Angelika

    Es ist eine sehr interessante Geschichte, in der viel drinn ist und auch brisanten Thema! Ich bin auch auf die Fortsetzung gespannt!!
    Alles liebe 😘

    Antwort
  5. Pingback: schreiben: “die äpfel” teil 2 | kitoremi

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