schreiben: „die äpfel“ teil 2

hier ist der zweite und letzte teil meiner kurzgeschichte „die äpfel“. viel spaß beim lesen 🙂

den ersten teil findet ihr hier.

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Die Äpfel

„Das bist du als Baby auf dem Arm deines Vaters“, kommentiert Felix das erste Foto.
„Es wurde am 01.07.1973 vor unserem eigenen Laden aufgenommen“, erzählt Opa Karl. „Es war der Eröffnungstag des Ladens. Mein Vater war einer der ersten Obstbauern, die direkt vom Hof aus verkauften, sehr zum Ärgernis der Händler. Die prophezeiten uns ein baldiges Ende. Aber sie irrten.“ Er lächelt, weil er an die Wutfalten auf den Stirnen der Kaufleute und die unbekümmerte Stimmung seines Vaters denkt. Sein Vater glaubte an sein Projekt und ließ sich von niemandem davon abbringen.
Felix blättert weiter, das Pergamentpapier zwischen den Albumseiten knistert. „Und hier bist du als kleiner Junge mit Basecap“, sagt er und tippt auf das Foto.
„Ich erinnere mich genau an diesen Tag“, beginnt Opa Karl zu erzählen. „Mein Vater hatte eine neue Apfelsorte gezüchtet und ich durfte den ersten Apfel probieren. Der Apfel duftete. Ich biss in die knackige Schale und ließ den Fruchtsaft in meinen Mund laufen. Er war himmlisch süß.“ Opa Karl nimmt das Album und streicht über das Foto. „Diese Äpfel waren der Verkaufsrenner. Die Leute rissen sie uns von den Bäumen. Mit ihnen begann unser Aufstieg.“ Er holt tief Luft. „Aber das alles ist längst vorbei. Wir haben das Jahr 2047 und die Welt hat sich verändert.“ Er schlägt das Album zu. Dabei fällt ein Zeitungsartikel heraus und landet auf dem Rasen. Felix hebt ihn auf und liest die Überschrift laut vor: „Rätselhaftes Bienensterben legt Landwirtschaft lahm.“
Opa Karl sieht zu dem Korb am Ende des Tisches. „Und jetzt hat dein Vater eine neue Apfelsorte gezüchtet, ohne Bienen, durch künstliche Befruchtung, in-vitro oder wie das heißt.“ Er schüttelt den Kopf.
„Aber das ist doch super“, entgegnet sein Enkel und zieht den Korb heran. „Endlich können wir wieder richtige Äpfel essen. Also, ich habe die eingelegten Apfelstückchen satt. Und vielleicht gelingt es Papa, noch andere Obstarten zu züchten.“ Er nimmt einen Apfel, wirft ihn hoch, fängt ihn und schnuppert dran.
„Ich kann mich mit diesen künstlichen Äpfeln nicht anfreunden. Für mich sind sie unecht“, sagt Opa Karl und legt den Zeitungsartikel zurück in das Album. Wie kann der Junge nur so optimistisch sein, fragt er sich. Er weiß doch nicht, ob diese Äpfel überhaupt gesund sind.
„Ach, Opa. In jeder Veränderung steckt die Chance auf was Neues, Besseres“, tröstet sein Enkel. „Denk doch nur an Uropa und seinen Verkaufsladen.“ Felix wirft den Apfel wieder in die Luft. „Ich könnte sofort reinbeißen.“
Die unbekümmerte Art seines Enkels erinnert Opa Karl an seinen eigenen Vater. „Dann mach es doch“, fordert er Felix auf.
Felix lässt sich nicht zweimal bitten und beißt hinein. „Köstlich“, stellt er schmatzend fest und reicht den Apfel an seinen Opa weiter.
Der Apfel duftet in Opa Karls Hand, wie damals, als er ein kleiner Junge war. Auf einmal sieht er seinen Vater vor sich, wie er ihm aufmunternd zunickt. Opa Karl beißt in die knackige Schale und lässt den Fruchtsaft in seinen Mund laufen. „Er schmeckt himmlisch süß“, sagt er und lächelt.

© Kim Höpfner

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12 Gedanken zu „schreiben: „die äpfel“ teil 2

  1. Marion

    Eine unerwartete Wende. Gutes Ende ? Oder doch trügerisch! Nicht in jeder Veränderung steckt was Besseres, zumindest was die Natur angeht. Danke dir, du liebe Künstlerin. Musst unbedingt deine Geschichten wieder in ein Büchlein „bringen“ !
    Liebe Grüße
    Marion

    Antwort
    1. kimi Autor

      da hast du recht, liebe marion. aber was bleibt uns anderes als die hoffnung auf besserung?
      vielen dank für deine lieben worte. ein paar geschichten für büchlein habe ich ja noch 🙂
      ganz liebe grüße, kimi

      Antwort
  2. Angelika

    Interessanter Abschluss der Geschichte!! Gefällt mir sehr gut, da da das bzw die brisanten Themen weiter aufgenommen wurden und zu einem guten Ende kam. Ich hoffe für uns alle, dass die Wissenschaftler was gegen das Bienensterben finden und nicht unser Obst und Gemüse per Hand bestäubt werden muss oder “ in-Vittorio“ die Lösung ist.

    Mach weitere so!!
    Alles Liebe 😘

    Antwort
    1. kimi Autor

      vielen lieben dank, meine liebe mama, für deine schönen worte. ich freu mich, dass dir meine kleine geschichte so gefallen hat 🙂
      mal sehen, was uns die zukunft bringt.
      liebe grüße, kimi *bussi*

      Antwort
  3. Flowermaid

    … die Äpfel auf dem Foto sind Pink Lady, sehr passend gewählt… einen apfelrunden Bogen hast du in deiner schreibfeinen Erzählung geschlagen Kimi … Naturgrüße vom Blumenkind 😉

    Antwort
    1. kimi Autor

      ich weiß gar nicht mehr, welche äpfel es waren. entweder pink lady oder cameo, egal, ich esse beide sorten gern 🙂
      vielen dank für deine lieben worte, liebe flowermaid.
      ich habe mir im internet das „alteland“ angeguckt. eine sehr schöne und interessante gegend!
      liebe grüße, kimi

      Antwort
      1. kimi Autor

        oh, wie lieb von dir!! was für ein schönes kompliment 🙂
        ich wünsch dir noch einen tollen tag, liebe grüße

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