mikrogeschichten

von vorn

sie liest die letzten worte des buches. danach stellt sie es ins regal und nimmt ein neues von dem stapel ungelesener bücher neben dem sofa. schon im hinsetzen beginnt sie zu lesen.

(c) kimi höpfner

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kleiner vogel

morgens um zehn auf dem nauener bahnhof. sonnenschein, pulverschnee, glitzernde kälte. auf dem gleis kauert eine kleine kugel aus dunkelgrünen federn. schwarze knopfaugen, gelber schnabel, roter fleck auf der brust. sie rührt sich nicht von der stelle, wirkt wie festgefroren. sie bewegt sich auf und ab, atmet schnell.

dann die durchsage, dass der zug einfährt. aus der kugel ist ein kleiner schmaler vogel geworden, der auf zwei füßchen steht und das köpfchen nach oben reckt. jetzt flattert er davon.

(c) kimi höpfner

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schluss

„mir reicht‘s. ich gehe“, schreit er und knallt die tür von außen zu. sie steht im wohnungsflur, zuckt mit den schultern und geht in die küche. sie setzt sich an den tisch, nimmt einen stift und die liste mit der überschrift schluss und macht einen weiteren strich. danach schenkt sie sich einen kaffee ein und wartet.

(c) kimi höpfner

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wegfliegen

auf dem fußballplatz. die zuschauer johlen, die spieler schreien. er wird getreten, will weg. er fliegt, weit und hoch, strengt sich an, um noch höher und weiter zu fliegen. doch das netz hält ihn auf. die zuschauer schreien, die spieler johlen. er wird getreten.

(c) kimi höpfner

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